Marie-Sophie Hindermann ist nächste Woche beim Jump & Sound Meeting nur eine von vielen Athletinnen, die versuchen wird den Stadtwerke-Stabhochsprung-Cup zu gewinnen. Und dennoch hat die Stabhochspringerin allen Teilnehmerinnen eines voraus: sie war schon mal bei Olympia – allerdings in einer ganz anderen Disziplin.

Eigentlich müsste Marie-Sophie Hindermann nicht auf irgendeiner Parkbank in Tübingen sitzen und erklären, wie ihre Saisonziele lauten. Eigentlich müsste sie sich gar keine Ziele mehr stecken. Denn, wie sie selbst sagt, hat sie schon alles im Leben erreicht. Sie war Juniorenvizeeuropameisterin, holte einen fünften Platz bei den Weltmeisterschaften am Stufenbarren und war sogar bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking dabei. Aber das war im Turnen. Jetzt geht es um ihre Saisonziele in der Leichtathletik.

Vor etwas mehr als zwei Jahren hat Hindermann ihre Nationalmannschaftskarriere beim Deutschen Turnerbund gegen den Stabhochsprung eingetauscht. Kaum zwölf Monate später wurde sie 13. bei den Deutschen Meisterschaften. Ihre Bestleistung liegt schon jetzt bei  4,10 Metern, die zweitbeste Leistung, die jemals im Verein erzielt wurde.

Allein das ist schon eine unglaubliche Geschichte. Eine Quereinsteigerin wie Hindermann hat in der technisch hochanspruchsvollen Disziplin in der ersten Saison eigentlich keine Chance. Schon gar nicht in Deutschland, wo die Leistungsdichte wohl so groß ist wie in kaum einem anderen Land.

Aber in dieser Geschichte geht es um mehr als nur um den unglaublichen Quereinstieg. Es geht um die Frage nach dem Warum. Warum quält sich eine 22-Jährige nach ihrem Karriereende wieder Tag für Tag im Stadion und im Kraftraum? Warum fährt eine ehemalige Weltmeisterschaftsfünfte zu den Deutschen Meisterschaften, wo sie nur um Mittelfeld mitmischen kann?

Eine Frage, zwei Antworten

„Ich wollte nach dem Turnen unbedingt was Neues“, sagt die Athletin der LAV Stadtwerke Tübingen. Es ist ihre erste Antwort. Sie erzählt davon, wie anders alles sei in der Leichtathletik. Dass jeder Athlet seinen Trainingsplan selbstständig abarbeiten müsse. Im Turnen gäbe es gar kein Training, bei dem nicht ein Trainer danebenstünde. Zusätzlich sei die Ästhetik in der Leichtathletik total egal. Hauptsache man ist schnell, hoch und weit genug. „Da gibt es kein Limit“, sagt Hindermann.

Kein Limit. Das ist ihre zweite Antwort. „Der Traum von Olympia ist immer noch in mir drin und ich will da wieder hin“, sagt sie. Sie weiß, dass das etwas verrückt klingt. Es gibt zwar Geschichten von Athleten, die zu den Schwimmwettkämpfen der Olympischen Spiele fahren durften, obwohl sie erst ein Jahr zuvor schwimmen lernten. Aber solche Geschichten sind in Deutschland schon lange nicht mehr passiert. „Aber warum soll man nicht träumen dürfen?“, fragt sie, ohne eine Antwort zu erwarten.

Olympia, das war schon immer ihr Traum. Schon von klein auf hat sie in die Freundschaftsbücher ihrer Mitschüler geschrieben, dass sie dort hin will. Somit war der Weg dahin für sie praktisch vorgezeichnet. Weil ihre Eltern noch aktiv turnten, war sie schon als Kleinkind auf dem Trampolin unterwegs. Mit vier trat sie einer Kinderturngruppe in Tübingen bei, von da an ging es nur noch stetig bergauf. Hindermann glaubt, dass das vor allem daran lag, dass sie immer ihre Leistung bei den Wettkämpfen abrufen konnte. „Das Schöne am Turnen ist, dass man in den Wettkampf geht und einfach das zeigt, was man die ganze Zeit geübt hat“, sagt sie.

Turner sind mit allem etwas früher dran

Als Hindermann im Jahr 2006 mit 15 Jahren Vizeeuropameisterin im Sprungpferd wird, hat sie eigentlich schon ihren Leistungshöhepunkt überschritten. „Die meisten Athleten haben ihren Höhepunkt vor der Pubertät. Im Kunstturnen wird es danach schwer“, erklärt Hindermann. Bis zu 28 Stunden in der Woche stand sie damals in der Halle und trainierte. Normal sei das gewesen: „Bis zum 16. Lebensjahr trainiert man im Turnen insgesamt so viel, wie ein Leichtathletikprofi bis zu seinem 25. Geburtstag nicht.“

Das wirkt sich auch auf den Körper aus. Zu den olympischen Spielen 2008 in Peking reist sie mit einer angerissenen Achillessehne. Die Ärzte hatten ihr damals die Wahl gelassen, ob sie antritt oder nicht. „So eine Chance bekommt man nur ganz selten, also zieht man das durch“, sagt sie. Die Spiele in London vier Jahre später verpasste sie dann wegen einer Schulterverletzung.

Da war es also, das überschrittene Limit. Es gab keine Aussichten mehr auf bessere Leistungen, des Alters wegen und weil der Körper nach Jahren des Schindens das Training nur noch bedingt verkraftete. Für ein paar Wettkämpfe im Jahr reicht das noch. Aber für internationale Wettkämpfe? Also beendete Hindermann mit 20 Jahren ihre Nationalmannschaftskarriere – in einem Alter, in dem die Leichtathleten normalerweise noch für die Jugendnationalmannschaft antreten.

Das Limit noch nicht erreicht

Vielleicht ist auch das der Grund, warum die Leichtathletik auf einmal so gut zu Marie-Sophie Hindermann passt: die Sportart gibt ihr eine zweite Chance. Klar, ist sie nur durch einen Zufall zum Stabhochsprung gekommen, als sie den Athleten im Landeskader ein paar Turnübungen beibringen sollte. Und klar, sprang sie am Anfang nur aus Spaß. Aber mit zunehmendem Erfolg erkannte die 22-Jährige, dass sie für diese Sportart noch jung genug ist, um aufzuholen. Und vor allem, dass diese Sportart ihr noch eine Perspektive bietet.

Mit ihrem Trainer Ivan Macura-Böhm hat sie deshalb einen Vierjahresplan aufgestellt, mit dem sie es 2016 zu den Olympischen Spielen schaffen könnte. Im Moment sei sie noch voll im Soll, sagt sie.

Und wenn das nicht klappen sollte?

„Man kann nicht mehr tun als jeden Tag sein Bestes zu geben. Und wenn man das nicht schafft, dann ist das auch okay“, sagt Hindermann und fügt nach einer Pause hinzu: „Dann gäbe es aber auch noch Olympia 2020 und 2024.“

Für Hindermann hat das Unternehmen Stabhochsprung also gerade erst angefangen.


Noch ein paar Fakten, die es nicht in den Artikel geschafft haben…

  • Hindermann ließ ihre angerissene Archillessehne nach den Olympischen Spielen 2008 operieren und musste danach erst einmal 13 Monate pausieren. So verpasste sie die Weltmeisterschaften im Jahr 2009. Ein Jahr später verletzte sie sich am Ellenbogen so schwer, dass sie weder an den deutschen Meisterschaften und an den darauf folgenden Weltmeisterschaften teilnehmen konnte.
  • Ihre jetzige Stabhochsprungtrainingsgruppe kannte sie schon, bevor sie mit der Leichtathletik anfing. Allerdings nur, weil Hindermann die Leichtathletikhalle durchqueren musste, um zur Physiotherapeutin zu gelangen.
  • Die Medizinstudentin wohnt und trainiert in Stuttgart, studiert aber in Tübingen und muss daher jeden Tag mit dem Auto pendeln.
  • Die LAV Stadtwerke Tübingen unterstützt die Athletin finanziell seit ihrem ersten Trainingslager.
  • Beim Jump & Sound Meeting will die 22-Jährige am liebsten zum Song "Eye of the Tiger" springen. Die Titelmusik zum Filmklassiker Rocky lief nämlich schon bei ihrem Vizeeuropameisterschaftstitel im Turnen.