Geschrieben von Alexander Mühlbach

Lukas Weiss ist nach dem Weggang von Rene Stauß der neue Cheftrainer der LAV Stadtwerke Tübingen. Der Lehramtsstudent ist noch jung und relativ unerfahren – und trotzdem voller neuer Ideen.

Als Lukas Weiss das Stadion verlässt, hinterlässt er vor allem einen Eindruck: er ist wieder da.

In der Jugend war Weiss mal ein guter Zehnkämpfer, erzielte Bestmarken von 6600 Punkten und trainierte in Ulm sogar mit Arthur Abele zusammen, der in diesem Jahr fünfter bei den Europameisterschaften wurde. Dann aber kamen die Verletzungen. Beim Fußball brach er sich erst das Kahnbein im Handgelenk. Wochen später landete Weiss beim Stabhochsprung neben der Matte und zog den Ellbogen mit in Leidenschaft. Noch heute kann er genau auf die Stellen zeigen, wo drei Schrauben seinen Knochen zusammenhalten. Er lacht kurz auf und schüttelt den Kopf als er das Sweatshirt zurückzieht. Damals allerdings dürfte ihm das Lachen wohl komplett vergangen sein. Denn Weiss verpasste durch die Verletzungen die deutschen Meisterschaften, wo sein Team Silber holte. Mit ihm, sagt er heute, hätten sie damals Gold geholt.

Eine zweite Chance auf eine Medaille gab es für Weiss nicht. Der Ellbogen hielt den Belastungen des Zehnkampftrainings nicht mehr aus. Während Abele es bis zu den olympischen Spielen in Peking schaffte, beendete Weiss seine Karriere – mit gerade einmal 20 Jahren.

Es hätte das Ende der Beziehung zwischen Lukas Weiss und der Leichtathletik sein können. Jetzt aber ist der 24-Jährige der neue Cheftrainer der LAV Stadtwerke Tübingen. Er ist wieder da.

Fördern. Spaß. Teamgeist.                                        

Lukas Weiss, der ehemalige Zehnkämpfer, ersetzt also Rene Stauß, ebenfalls ein ehemaliger Zehnkämpfer, der Anfang September zum württembergischen Leichtathletik Verband wechselte. Das grundlegende haben die Beiden also gemein. Nur mit dem feinen Unterschied, dass Stauß bei Amtsantritt mehr Trainererfahrung besaß und die Tübinger in diesem Jahr zu ersten deutschen Teammeisterschaft führte.

Es ist spät geworden an diesem Mittwochabend, als Weiss seine ersten vier Wochen als Cheftrainer Revue passieren lässt. Zwar war er schon zuvor Trainer in Metzingen gewesen und kennt damit die administrative Seite des Sports. Trotzdem sei der Übergang etwas chaotisch gewesen. Viele Trainingsgruppen hätten sich nach dem Weggang von Stauß neu organisieren müssen. Auch müss er sich noch in den Verein einarbeiten. Und dennoch blickt Weiss entschlossen nach vorn und redet immer wieder von Zielen, die er unbedingt erreichen will.

„Der Jugendbereich muss ausgebaut werden“, sagt Weiss zum Beispiel einmal. „Das Training muss mehr Spaß machen“, sagt Weiss ein anderes Mal, wobei er gleich noch hinzufügt, dass „die Trainingsgruppen sich als Mannschaft finden müssen, die sowohl zusammen trainieren als auch außerhalb gemeinsam Dinge unternehmen machen.“ Würde Weiss Politiker sein, würde sein Wahlprogramm wohl wie folgt lauten: Fördern. Spaß. Teamgeist.

Dass ausgerechnet der Zusammenhalt und die Jugendförderung im Vordergrund stehen sollen kommt nicht von ungefähr. Klar, hat die LAV Stadtwerke Tübingen wie auch andere Vereine in der Umgebung seit Jahren mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen. Aber Weiss studiert Sport und Biologie auf Lehramt und bringt damit die pädagogische wie auch soziale Komponente mit, um seine Ziele umzusetzen. „Mit der richtigen Philosophie und der richtigen Motivation kriegt man das alles hin“, sagt Weiss.

Mehr Leistung, mehr Motivation, mehr Athleten

Was das im Klartext heißt konnten in den letzten Wochen schon die Athleten immer Alter zwischen 14 und 16 Jahren spüren. Weiss lässt seine Athleten jetzt auf einem höheren Leistungsniveau trainieren. Zum einen soll das den Jugendlichen den Sprung zu den erwachsenen Athleten erleichtern. Zum anderen soll es aber auch das Selbstbewusstsein der Athleten steigern, was laut Weiss bitter nötig ist. „Momentan verpassen an der Schnittstelle zwischen Schüler und Jugendlichen sowie Jugendlichen und Erwachsenen zu viele Athleten den Anschluss – das kann nicht sein“, sagt Weiss. Ich will eine Art Brücke zwischen den einzelnen Bereichen sein und mehr Athleten durchbringen.“

Trotzdem will Weiss nicht unbedingt mehr Leistung fordern, ohne auch die Frage der Motivation in den Mittelpunkt zu stellen. Weiss glaubt, dass er trotz immer größer werdenden Schulstresses mehr Schüler für die Leichtathletik begeistern kann. Dazu will er einzelne Trainingsinhalte attraktiver und abwechslungsreicher gestalten sowie ältere und erfolgreiche Athleten als Vorbilder einsetzen – und natürlich auf das Mannschaftsgefühl bauen. „Wir dürfen anderen Mannschaftssportarten in diesem Punkt in Nichts nachstehen“, erklärt er.

Dass die Ziele zu hoch gesteckt sind, glaubt Weiss indes nicht. „Man muss selbst als Trainer brennen“, sagt er. Man müsse den Kids vermitteln, dass die Leichtathletik Spaß mache. „Dann funktioniert das. Ganz sicher.“

Und in diesem Moment scheint es so als wäre Lukas Weiss nicht nur wieder da. Sondern als neuer LAV Cheftrainer endlich dort angekommen, wo er schon immer hingehörte. Nämlich auf den Trainerstuhl.