Geschrieben von Lisamarie Haas

Der Blick aus dem Fenster verrät zunächst nichts darüber, dass das öffentliche Leben zur Zeit aus den Angeln gehoben wurde. Die Sonne strahlt meistens ungetrübt vom Himmel. Wer auf den Wald-, Wander- und Radwegen unterwegs ist, könnte denken, es sei ein ganz normaler Sonn- oder Feiertag. Denn mehr Menschen als sonst tummeln sich an der frischen Natur – zumeist mit den geforderten anderthalb Metern Sicherheitsabstand zueinander. Aber nicht nur die Freizeitsportler sind auf den Waldwegen unterwegs, sondern auch die Berufssportler sind gezwungenermaßen aus ihren gewohnten Stadien ausgezogen und begegnen den häufig verwunderten Passanten im Park.

Auch in Tübingen waren die Tore zu den Stadien geschlossen, für die meisten bleiben sie es weiterhin. Für Jackie und Robert Baumann, sowie für Hanna Klein wurde dagegen ein ersehnter Wunsch wieder wahr: ein Training auf der blauen Bahn. Die Stadt Tübingen hat für die drei Athleten eine Ausnahme gemacht, da sie Aussichten auf eine Olympia-Teilnahme haben. Auch in einigen anderen Stadien in Deutschland dürfen Berufssportler nun wieder ihre Runden drehen. „Es war total genial wieder auf der Bahn zu sein. Ich möchte da auch meinen Dank an die Stadt aussprechen, dass das so gut funktioniert hat“, sagt Jackie. Insgesamt habe sie sich aber recht schnell an die Situation angepasst mit Krafttraining in der Garage oder Läufen im Wald. Als Läufer hat Robert Baumann in dieser Hinsicht ebenfalls einen Vorteil gegenüber den Athleten, die für das Training von technischen Disziplinen auf die Trainingsstätten angewiesen sind. „Das Training läuft bei mir zur Zeit richtig gut. Ich nutze die Corona-Zeit als Motivation. Mir haben immer ein, zwei Jahre in der Entwicklung gegenüber anderen gefehlt und vielleicht ist das jetzt meine Chance, um Boden gut zu machen“, sagt Robert. „Auf die Bahn zu gehen war einerseits super nice, andererseits war ich acht Wochen nicht mehr auf einer Bahn gewesen und ich bin einen ganz unrunden Schritt gelaufen. Man verlernt es irgendwie“, erzählt er mit einem Lachen. „Aber ich habe mich sehr gefreut.“

Gemeinsam kann man sich besser quälen: Janina Ruf vermisst besonders das gemeinsame Training.

Gemeinsam kann man sich besser quälen: Janina Ruf vermisst besonders das gemeinsame Training.

Für Janina Ruf, die auf der Mittelstrecke zu Hause ist, gibt es zwar weiterhin keine Möglichkeit, in einem Stadion zu trainieren, aber als Läuferin kann sie einiges so weitermachen wie bisher. „Ich mache meine Dauerläufe ganz normal, die habe ich auch vor der Corona Zeit meistens allein zuhause gemacht. Also da hat sich nicht viel geändert. Nur für die Tempoeinheiten musste ich jetzt halt auch in den Wald ausweichen“, berichtet sie von ihrem Training. „Ich bin auf jeden Fall froh, dass es in Deutschland nicht zu einer endgültigen Ausgangssperre gekommen ist, sonst hätten sich auch die Läufer ganz neue Trainingsmethoden ausdenken müssen. Das ist uns Gott sei Dank erspart geblieben.“ Der soziale Aspekt, der normalerweise auch einen großen Teil des gemeinsamen Trainings ausmacht, fehlt momentan wohl allen Athleten: „Das Team fehlt halt richtig und allein laufen macht lange nicht so viel Spaß wie wenn sich gefühlt hundert andere Menschen im Stadion auch quälen“, sagt Janina.

So richtig zu spüren bekommen die Kontaktverbote und gesperrten Trainingsflächen besonders die Mehrkämpfer. Melanie Grimm und Fabian Vogt haben ihre insgesamt fünfzehn Athleten und Athletinnen mit Materialien ausgestattet, damit sie wenigstens einige Abläufe in den technischen Disziplinen trainieren können. Manche hätten nur eine Übungshürde zur Verfügung, um Nachziehbeinübungen und Beweglichkeit zu trainieren, erzählen die beiden Trainer. „Bei einigen Übungen haben die Athleten die Aufgabe, es auf Video aufzunehmen und uns per Whatsapp zu senden und wir geben dann Feedback. So stehen wir mit den meisten fast täglich in Kontakt." Die Digitalisierung hat also spätestens jetzt zwangsweise in den Trainingsalltag Einzug gehalten. „Ab dieser Woche werden wir uns jetzt auch online zu einer gemeinsamen Trainingseinheit treffen und gemeinsam eine Athletik-Einheit absolvieren.“ Trotz allen Bemühungen sei ein wirkliches Techniktraining momentan aber nicht möglich. Der Fokus liege daher eher darauf, ein gutes Fitnesslevel zu erhalten. „Die Athleten trainieren alleine zuhause in Ihren Zimmern, im Garten oder Hof, auf Feldwegen oder im Wald. Von unserer Seite gibt‘s hierzu ein riesen Lob, wie gut es bisher funktioniert bei den meisten“, loben Melanie und Fabian ihre Athleten. Für die Gruppe wäre es in der ersten Woche der Osterferien nach Lindau ins Trainingslager gegangen – aufgrund von Corona wurde das natürlich abgesagt. Kommendes Wochenende wäre normalerweise für die Athleten der Saisoneinstieg geplant gewesen – ebenfalls abgesagt. „Im Moment würden wir uns nichts mehr wünschen, als endlich wieder ins Stadion zu dürfen in Kleingruppen oder eins zu eins, um einfach mal wieder in eine Grube zu springen oder über die Hürden zu laufen.“

Laufen kann man auch im Wald, das Training der technischen Disziplinen gestaltet sich zurzeit schwieriger.

Laufen kann man auch im Wald, das Training der technischen Disziplinen gestaltet sich zurzeit schwieriger.

So geht es auch der Trainingsgruppe von Lukas Weiss, der seinen Athleten ebenfalls einen Trainingsplan zukommen lässt. „Der Plan zielt aber schwerpunktmäßig auf den Erhalt der Leistung ab. Das Training findet deshalb im Wald oder längeren Teerwegen statt und ist ausschließlich konditionell orientiert. Ich glaube auch nicht, dass vor den Pfingstferien Wettkämpfe stattfinden werden.“

Die Hoffnung darauf, dass in diesem Jahr wenigstens noch ein paar Wettkämpfe stattfinden können, eint alle Sportler in der aktuellen Situation. „Ich hoffe natürlich, dass dieses Jahr zumindest noch ein paar Startschüsse fallen können, einfach um zu schauen wo man steht und ob das Training wirkt. Das wäre meiner Meinung schon echt wichtig auch für den Kopf“, sagt Janina. Auch Melanie und Fabian hoffen auf eine späte Saison: „Aktuell fehlen die konkreten Ziele leider, zumindest die eher kurzfristigen. Ein Jahr ganz ohne Wettkämpfe möchten wir uns jetzt noch nicht vorstellen, da auch wir wissen, was dies nicht nur für die LAV, sondern auch für die gesamte Sportart Leichtathletik bedeuten könnte. Da würden doch einige Kids auf der Strecke bleiben. Unsere Athleten versuchen wir zu binden und ihnen aufzuzeigen, dass auch jetzt jedes Training langfristig gesehen helfen kann und einen vorwärts bringt.“

Hier hatten wir zu Beginn der Pandemie bereits über die Herausforderungen berichtet, die die Situation an die Sportlerinnen und Sportler stellt.